Composition (2010)

ENCOUNTERS
Frank Harders-Wuthenow
I met Dessa in 2003. And while the circumstances of our first meeting, and above all the fact that we became good friends, reveal a lot about Dessa as a person, they also shed light on Dessa the artist. We found ourselves - was it mere coincidence? - sitting next to each other one evening at a concert at Berlin's Komische Oper. The programme included Franz Schreker's dance suite "Der Geburtstag der Infantin", which was the actual reason both of us were attending this particular concert. Schreker interested us as an early twentieth-century composer who had undeservedly fallen into oblivion: condemned by the Nazis before World War II, he was later refused recognition by avant-garde purists as an important voice of the second Vienna School, which he undoubtedly was. Before the conductor had lifted his baton, I had already found out that Dessa was familiar with the work from a CD recording that I had produced for a Berlin label. We have remained in touch ever since. 
The fusion of music and visual art as illustrated so emphatically by Dessa's work is a rather recent art phenomenon. Creating abstractions of the real world or abstractions inspired by the real world, artists like Kandinsky sought direct analogies between the "non-material" parameters of music - melody, chord, tone quality, rhythm - and the grammar of a painter's artistic means. Kandinsky's "Yellow Sound" can be taken pars pro toto as an example of the synaesthetic relationship between the sister art forms, a closeness for which twentieth-century art history provides a wealth of other examples - from Cubism and Klee through abstract Expressionism to the works of Chillida. But there is something special about Dessa's art: it has a dimension that no longer takes place at the abstract level of the material itself but rather touches the very essence of music as an art form of dynamic processes that unfold in time. Anyone who has watched Dessa work understands immediately what I mean:  her art is a direct "translation" of the music's psycho-physical energy into painting, a process in which the motoric aspect - the movement of body, arm and hand in tune with the acoustic reality of the music - takes on fundamental importance. The parallelism of paintbrush and baton is seldom as palpably impressive as in Dessa's "improvisations" to live music. 
But as much as the artist, in her approach to sound, may become something of a medium, the result can never be interpreted as a mere seismogram of amplitudes and intensity. Even though the painting that is being created can be understood only in the context of Dessa's response to the music, it nevertheless remains, from the very first stroke of the brush, an unmistakable work of the artist herself. The secret of Dessa's art lies in her extraordinary ability to open her soul to stimuli, and in the strong personality that prevents her from losing or subordinating herself in this encounter with the Other. Her openness and curiosity are astonishing. They are a refreshing exception to the mannerism and narcissism of today's art world. 
Dessa's paintings to the music of Viktor Ullmann or Olivier Messiaen are important focal points of her creative process. With the two composers who together have served as musical inspirations for the works in the present catalogue, she has once again chosen to interact with exponents of the contemporary music scene. These are two composers I have had the good fortune of representing in my publishing capacity, and whose music I hold in high regard, indeed whose music I admire and love. The Korean composer Unsuk Chin and Detlev Glanert, who is German, are two of the most important composers of their generation. Anyone familiar with their music will understand the breadth of Dessa's stylistic horizon and the degree of her sensitivity to extremely divergent musical languages. It is hardly surprising that the two composers themselves have a strong affinity to visual art, and that the visual element plays a decisive role in their work. This may also explain why Dessa is particularly attracted to their music. Detlev Glanert's and Unsuk Chin's music appeals to two very different areas of her spiritual and emotional universe, so that both work cycles - which were created in parallel - complement each other perfectly. They bear witness to an artistic process that strikes creative sparks from encounters: with people, and with works. The transcendence and empathy that can be felt in every one of her paintings is one of the qualities of Dessa's art that I particularly treasure, and I am pleased that I was able to contribute in some way to the creation of this group of works. 
English translation by Nicole Gentz

BEGEGNUNGENFrank Harders-WuthenowDie Bekanntschaft mit Dessa geht auf das Jahr 2003 zurück. Die Umstände unserer ersten Begegnung, vor allem die Tatsache, dass aus ihr eine anhaltende Freundschaft resultierte, sind nicht nur bezeichnend für den Menschen Dessa, sie werfen auch ein Licht auf das Wesen ihres Künstlerseins. Wir fanden uns - zufällig? - Seite an Seite in einem Konzert in der Komischen Oper in Berlin, in dem unter anderem Franz Schrekers Tanzsuite "Der Geburtstag der Infantin" auf dem Programm stand  - für uns beide der eigentliche Anlass für diesen Konzertbesuch. Denn Schreker interessierte uns als ein zu Unrecht vergessener Komponist der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der zuerst von den Nazis verfemt wurde, um dann nach dem zweiten Weltkrieg von den Puristen der Avantgarde aus dem Kontext der zweiten Wiener Schule verdrängt zu werden, in den doch er als wichtige Stimme hineingehört. Noch  bevor an diesem Abend die erste Note erklang, wusste ich schon, dass Dessa das Stück durch eine CD-Aufnahme kannte, die ich als Produzent bei einem Berlin Label herausgebracht hatte. Seit diesem Augenblick ist unser Kontakt nicht mehr abgerissen. Die Begegnung von Musik und bildender Kunst, wie sie das Werk Dessas repräsentiert, ist eher jungen Datums. Die Abstraktion der gegenständlichen Welt und von der gegenständlichen Welt ließ Maler wie Kandinsky direkte Analogien suchen zwischen den "immateriellen" Parametern der Musik - Melodie, Akkord, Klangfarbe, Rhythmus - und der Grammatik der malerischen Gestaltungsmittel. Der "Gelbe Klang" sei pars pro toto genannt als Beispiel für diese synästhetische Anverwandlung der Schwesterkünste, für die es in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts - vom Kubismus und Klee über den abstrakten Expressionismus bis zu den Arbeiten Chilllidas - an Beispielen nicht mangelt. Mit Dessas Kunst hat es aber eine eigene Bewandtnis,  denn in ihr kommt eine Dimension ins Spiel, die sich nicht mehr auf der abstrakten Ebene des Materials abspielt, sondern die direkt ins innerste Wesen der Musik zielt, als einer Kunstform sich in der Zeit entfaltender energetischer Prozesse. Wer Dessa einmal beim Arbeiten beobachtet hat, wird sofort verstehen, was gemeint ist: Es findet eine unmittelbare "Übersetzung" der psycho-physischen Energien der Musik in Malerei statt, bei der dem motorischen Aspekt, der Bewegung von Körper, Arm und Hand in voller Einheit mit der klingenden Realität der Musik, eine zentrale Bedeutung zukommt. Selten drängt sich die Parallelität von Pinsel und Taktstock so auf, wie bei Dessas "Improvisationen" zu live gespielter Musik. So sehr die Malerin bei dem Umgang mit der klingenden Materie zum Medium wird, so wenig lässt sich das Ergebnis doch als pures Seismogramm von Amplituden und Intensitäten bezeichnen. Wenn das entstehende Bild nur aus dem Eindruck der klingenden Musik heraus zu verstehen ist, so sehr bleibt es doch, vom ersten Pinselstrich an, ein unverwechselbares Werk der Malerin. Das Geheimnis dieser Kunst liegt in der so außerordentlich entwickelten Fähigkeit der Künstlerin, sich für Anregungen weit zu öffnen, wobei ihre starke Persönlichkeit verhindert, dass sie sich in der Begegnung mit dem Anderen verliert oder unterordnet. Diese Offenheit und Neugier ist verblüffend, und in der heutigen, von Manierismus und Narzissmus geprägten Kunstwelt, eine wohltuende Ausnahme. Dessas Arbeiten zur Musik Viktor Ullmanns und Olivier Messiaens bilden wichtige Schwerpunkte in ihrem Schaffen. Mit den Werken der beiden in diesem Katalog als klingende Inspirationsquellen vereinten Komponisten, hat sie sich wieder einmal mit Vertretern der zeitgenössischen Musik auseinandergesetzt, mit zwei Komponisten, die ich das Glück habe, als Verleger betreuen zu dürfen, und deren Musik ich selbst seit vielen Jahren schätze, verehre, ja liebe. Die Koreanerin Unsuk Chin wie der Deutsche Detlev Glanert gehören zu den bedeutendsten Komponisten ihrer Generation. Wer ihre Musik kennt, kann ermessen, wie weit der stilistische Horizont gezogen ist, in dem sich die Malerin bewegt, wie stark ihre Sensibilität für extrem unterschiedliche musikalische Sprachen. Dass beide Komponisten selbst stärkste Affinität zur bildenden Kunst haben und das visuelle Element in ihren Werken eine entscheidende Rolle spielt, verwundert nicht und erklärt vielleicht auch Dessas Sympathie für gerade ihre Musik. Mit Detlev Glanerts und Unsuk Chins Musik werden zwei sehr unterschiedliche Bereiche im geistig-emotionellen Kosmos der Malerin angesprochen sein, wodurch sich beide Zyklen - parallel entstanden - wunderbar ergänzen. Sie sind Zeugnis eines Schaffens, das seine kreativen Funken aus der Begegnung schlägt, aus der Begegnung mit Menschen wie mit Werken. Diese in jedem ihrer Bilder spürbare Transzendenz und Empathie gehört zu den Eigenschaften von Dessas Kunst, die ich besonders schätze, und ich freue mich, einen Anteil am Entstehen dieser Werkgruppe tragen zu dürfen.